KARL OTTEN - GESCHICHTEN AUS PUEBLO I. (1936)
DER LEUCHTTURM - TEIL 5
IV.
„Niemand sucht sich sein Schicksal selber aus, er kriegt es mit in die Wiege gelegt. Nur der starke Miguel macht, was er will, und alles glückt ihm.“
So wenigstens sagte die Madre Maddalena, die Pueblo mit Weisheit und Neuigkeiten versorgte, da sie als Leichenwäscherin, Hebamme, Agentin der Zöllner und Schmuggler zugleich ihre Finger tief in alle Kuchen steckte. Diese klapprige Madre Maddalena, die übrigens eine beata, eine Heuchlerin war, fand ja auch die Amerikanerin mit aufgeschlagenem Schädel unten am Felsen, morgens gegen vier Uhr, als die Hähne zum ersten Mal krähten, und sie zur Anna Marita gerufen wurde, die in Wehen lag und nicht aus noch ein wusste.
So musste der Kleine allein auf die Welt kommen, da die Maddalena der Amerikanerin einen Notverband anlegen und die Bewusstlose durch einen Schluck Kognak wieder erwecken musste, damit sie nicht von der Flut hinweg gespült werde.
Die drei jungen Herren, ihre Kavaliere, ließen sich nicht blicken. Also schob und zerrte die brave Madre Maddalena an der Dame herum, bis diese wimmerte. Das war ein gutes Zeichen, gleich darauf kam sie auch zu sich und, gestützt von der Alten, tat sie ein paar Schritte, wobei es ihr zu Bewusstsein kam, sie liege nicht mehr zu Hause im weichen Bett, sondern unterhalb des Leuchtturms, im Nassen, zwischen den Schären und dem Tang.
Was war geschehen?
Madre Maddalena versuchte mit sanften Worten, schließlich mit mehr Kognak aus der Dame herauszulocken, was sie in diese lächerliche und zugleich lebensgefährliche Lage gebracht habe.
Die Dame deutete ein paar Mal nach oben, aber es war nur der weisen Maddalena klar, dass sie nicht den lieben Gott, sondern den Leuchtturm und den Miguel damit meine.
Von bösen Ahnungen gepackt, rannte, nein, flog die Alte den Hügel hinauf, über die eingestürzte Brücke, quer durch den toten Forst und schlich auf ihren Alpargatas an die Haustüre, dann zum Leuchtturm und begann schließlich die zweiundneunzig eisernen Stufen hinaufzuklettern, was immerhin bei ihrem Alter eine halbe Stunde in Anspruch nahm.
Es war dunkel im Turm, es roch nach Petroleum und das Klappern und Schnauzen der Alpargatas erfüllte das Innere des Turmes mit abstraktem Leben.
Das Leben eines Leuchtturmwärters ist im Sommer einfach, wenn die Nächte kürzer sind als das Seil mit dem Gewicht, das die Uhr in Bewegung und die Laterne in sich rund und rund drehen lässt.
Im Winter dagegen oder schon im Herbst muss er nach sieben Stunden das Seil aufwinden, damit keine Unterbrechung der Lichtsignale eintrete.
So war also Miguels Leben im Dunkeln Teil des Jahres weit schwieriger, weil er so gegen drei Uhr hinauf klettern und arbeiten musste, weshalb er erst gar nicht zu Bett ging, sondern sich auf der Bank oben im Lampenstuhl niederlegte, sich die Augen mit einem Taschentuch zudeckte und schlief. Dieser Jahreszeit sehnte sich Conchita, Miguels Frau, entgegen, dann hatte auch sie Zeit und konnte ihre Liebhaber in der warmen, eigenen Stube empfangen.
In jeder Nacht hört Miguel gegen drei, gerade als er sich erheben wollte, ein Geräusch unten auf der Terrasse
Miguel sah zu seiner Überraschung jede Dame, die sozusagen Stammkundin des Leuchtturmes, sich stets seinen Armen anvertraute, obwohl sie seiner Meinung nach, bereits den Reiterinnen angehörte. Gutmütig wie alle Riesen, gab er ihr jedoch nach und erntete nicht nur Begeisterung über Wu Wu, sondern auch stets einige Pesos mehr als er durchschnittlich einnahm.
Entzückt über diese Ehrung öffnete Miguel weit die gewaltigen Fäuste und meinte, dass trotz Dunkelheit und Sturm Wu Wu sicher großartig sein werde, da ja Vollmond sei. Worauf die Dame ihm mit einiger Mühe und viel Gelächter auseinander setzte, sie sei mit diesen drei Senoritos eine Wette eingegangen, dass keiner von ihnen sie die zweiundneunzig Stufen hinauf zur schönen Aussicht tragen könne.
Miguel verbeugte sich und beteuerte, er habe nichts gegen die Wette einzuwenden.
„Um wie viel geht es denn? Eine Wette muss ja einen Anreiz haben, ein Pferd oder Fußballmeister muss dabei sein, und dann muss eine Wette etwas einbringen, wie? Das wisse er genau, selbst in Amerika wetten die Leute so. Um Geld.“
Die Lady kicherte. Allerdings sei ein Preis angesetzt. Und zwar sei der Preis ein Kuss von ihren Lippen für den Sieger.
Ein schöner Preis. „A sus pieds“, murmelte Miguel mehrere Male und musterte die drei Herren, lang aufgeschlossene, blonde Burschen, deren Vater er hätte sein können.
Er führte die lustige Gesellschaft an den Fuß der Treppe, und der erste nahm die Dame auf den Arm wie ein Kran einen Baumstamm.
Dann begann er empor zu klettern, während die beiden anderen ihn durch allerlei unverständliche Zurufe anspornten. In Wahrheit jedoch versuchten sie, ihn zum Lachen zu bringen, was ihnen denn auch gelang und er auf Stufe vierzig aufgab.
Der Nächste trug die Last nur bis Stufe dreißig, er war zu betrunken, um eigentlich ernsthaft in Frage zu kommen. Der Dritte versuchte es erst gar nicht, sondern gab etwas gereizt oder ärgerlich gelangweilt auf und schlug vor, abzubrechen, da alle überzeugt seien, Miguel habe gewonnen und könne den Kuss hier unten in Empfang nehmen.
Dem widersprach jedoch die Senora, und sie warf sich Miguel mit einer nicht misszuverstehenden Hingabe an den Hals, so dass dieser nicht widerstehen konnte, sie packte und die Stufen hinauf trug, etwas in Sorge um die Laterne und daher in größerer Eile. Das Uhrwerk war dem Stillstand nahe und diese Vernachlässigung seiner Pflichten konnte ihn und die Schiffe draußen in große Gefahr bringen.
Die Dame wollte aber nichts davon wissen und meinte, es sei ja noch weit schöner, wenn sie da oben im Dunkeln und hoch über dem Meer sitzen und die Aussicht genießen könnten bis zum Sonnenaufgang. Miguel aber entledigte sich ihrer kurz vor dem Ende der Treppe und stürzte zu der Winde, packte die Kurbel und versuchte, das Gewicht heraufzuwinden. Zu Miguels Entsetzen bewegte sich das Gewicht nicht, so stark er auch an der Kurbel drehte und sich dagegen stemmte. Dann begriff er, was an dem Mechanismus in Unordnung war, legte seine ganze, ungeheure Kraft hinein und riss das Gewicht hoch. So schnell kurbelte Miguel das Gewicht hoch, dass der Senorito, der sich daran gehängt hatte, mit emporgerissen, jetzt zwischen Laterne und Abgrund schwebend, sich an den mit Petroleum und Fett schlüpfrigen Eisenklotz anklammerte, um Hilfe schreiend, wovon Miguel jedoch keine Notiz nahm. Es hätte Stunden gedauert, bis der Gehängte den sicheren Boden wieder erreichen konnte. Die Lady aber lachte sich halb tot über diese Art Folter, während seine beiden Freunde zuerst gleichfalls lachten, dann die Treppe hinauf eilten, um den Sieger zu veranlassen, dem Spiel ein Ende zu bereiten. Bevor sie jedoch den Lampenstuhl erreichen konnten, ertönte ein grausiger Schrei und der Bursche stürzte wie ein Stein hinab und rührte sich nicht mehr. Die beiden Freunde trugen den Bewusstlosen so schnell sie konnten über die Terrasse den Berg hinab. In der gleichen Nacht noch verließen sie Pueblo in ihrem Auto und kehrten nicht mehr zurück. Von dem Lärm geweckt war Conchita aufgestanden und spähte durch den Vorhang, ihrem jungen Liebhaber besorgt zuwinkend, er möge sich im Schrank verstecken. Kurz darauf sah sie die Estranjera aus dem Leuchtturm kommen und hinunter schwanken. Miguel winkte ihr von der Tür aus nach und rief: „Wu Wu – Mondschein – sehr schön!!“ Dann kletterte er wieder hinauf und sie hörte seine Nagelschuhe auf den eisernen Stufen kratzen. Conchita jagte ihren Liebhaber hinaus: „Geh ihr nach und wirf sie ins Meer! Sonst sind wir unseres Lebens nicht mehr sicher!“Madre Maddalena rüttelte Miguel eine halbe Stunde und als er erwachte und sich die Augen rieb, geschah das so natürlich, dass kein Verdacht aufkommen konnte, dass hier im Leuchtturm irgendetwas nicht in gewohnter Ordnung gewesen sei. „Alles in Ordnung – nada de nada – nichts ist geschehen – ich weiß nicht, wovon du redest, Madre Maddalena, eine Lady? Du musst geträumt haben. Lass mich schlafen!“ „Aber sie hat mir gesagt, sie komme vom Leuchtturm.“ „Wer versteht, was die Fremden reden? Sie suchte eine Aussicht und ist dabei vom Felsen gestürzt. Das Dorf sollte ein Geländer bauen oder zumindest eine Tafel anbringen: ‚Aussicht gefährlich’ – oder so ähnlich.“ Dann legte er sich aufs Ohr und schlief weiter.
copyright reisebuch.de/Schillergesellschaft, Marbach a.N. 2010
Lesen Sie weiter:
- Karl Otten, Der Leuchtturm - Teil 1
- Karl Otten, Der Leuchtturm - Teil 2
- Karl Otten, Der Leuchtturm - Teil 3
- Karl Otten, Der Leuchtturm - Teil 4
- Karl Otten, Der Leuchtturm - Teil 5
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