KARL OTTEN - GESCHICHTEN AUS PUEBLO I. (1936)

Leuchtturm am Cap de Capdepera
DER LEUCHTTURM
Es gibt verschiedene Arten von Sehenswürdigkeiten, wenn es sich überhaupt lohnt, ein solches Ding zu erwähnen, das ja eigentlich nur Touristen, also Fremde, interessieren könnte, sollten solche je bis Pueblo vordringen und nach solch einem Ding, nach einer Sehenswürdigkeit fragen.
Was ihnen dann Andreu, der knochige und schmutzige Wirt des Strandcafés gesagt hätte, weiß ich nicht. Dieser schamlose Sohn einer schamloseren Hündin hatte seine Retrete, das WC, über das Meer gebaut, eine groteske Idee, weil doch natürlich jeder Bursche in den Booten unterhalb, man stelle sich das vor, zwanzig Meter vom Hafen entfernt, zusah, wenn die fette, klebrig-schwarze Katalina, die Frau des Andreu, da selbst ihr Morgengebet verrichtete, ein Anblick, den vielleicht kein anderer außer ihrem Manne, für sehenswürdig halten konnte.
Nach Auffassung der Eingeborenen wäre das Camion oder ein Bahnhof, wenn Pueblo einen besessen hätte, der offenen Mäuler wert gewesen. Aber das es nichts, rein gar nichts gab, was diesem Dorf zu Ruhm und Ehre verhelfen konnte, das heißt, bei einigem Nachdenken kam etwa Jeronimo, der Fischaufkäufer und Junggeselle, auf den absurden Gedanken, dass das Schloss des Gordo („der Dicke“ – gemeint ist der berühmt-berüchtigte mallorquinische Multi-Millionär Joan March)inmitten von Palmen und Zypressen, der Beachtung wert sei.
Und dann vielleicht, aber ein nur sehr bedingtes Vielleicht, der Leuchtturm außerhalb des Dorfes oder, genauer gesagt, oberhalb des Dorfes, ja, gewiss, noch hinter und hoch über dem Haus von Gordo, den steinichten Saumpfad an der Mauer seines Parks entlang, über die eingestürzte Brücke und dann, ja dann immer geradeaus und bergauf.
Immer geradeaus bedeutete eine Wanderung von einer Stunde durch eine verwunschene Einöde, wo der Sturm vor etwa dreißig Jahren den Pinienwald zu Zündholz zerbrach, wodurch es kam, dass die Fischer und Bauern von Pueblo genügend Brennholz besaßen, Mensch, bedenke, in fünf Minuten schlug der Wald sich selbst zu Brennholz, welch eine Arbeitsersparnis.
Das Brennholz gehörte an sich dem Staate, da aber der Staat nur ganze Stämme verwerten kann, gehörte das Brennholz Niemandem, also den Leuten von Pueblo oder wer immer sonst es stehlen konnte.
Überhaupt hatte es der große Sturm von damals besonders gut mit den Menschen hierzulande gemeint, denn Pueblo aß von Tischen, schlief in Betten, stopfte Kleider und Wäsche in Schränke, saß auf Stühlen und bedeckte die Fliesen im Esszimmer mit Teppichen, auf denen das Wort Goodwin geschnitzt, geätzt, gebrannt und gewebt immer und immer wieder kam.
Was Goodwin hieß, wusste niemand. Was es war, das natürlich wusste jeder. Das englische Schiff von 12000 Tonnen, das im Sturm damals gegen das Kap rannte, auseinander brach, aber nicht so, dass die Fischer von Pueblo nicht hätten „retten“ können, was die rettenswert fanden.
Ganz abgesehen von den unheimlich großen Lagern von gefüllten Flaschen, auf denen seltsame Etiketten mit Worten klebten, die zum Glück niemand lesen konnte, und deshalb vom Pedro, genannt el Marin, beansprucht und gegen ein paar Pesos gekauft wurden, woraus er dann seinen Gästen eingoss, was diese entzückte, so dass sie immer wieder kamen, manche mitten in der Nacht. Zu letzteren gehörte jene Amerikanerin mit den drei unendlich langen und blonden jungen senoritos, und die auf dem Heimweg den Felsen hinab und ins Meer stürzte.
Nun hatte aber die Amerikanerin auf diesem Wege nichts zu suchen, sie wohnte keine fünf Minuten entfernt vom Café des Pedro el Marin, an der entgegengesetzten Ecke des Dorfes, am Strand, wo die Villen der Reichen standen, die diese an die Fremden vermieteten, während sie sich auf ihre Fincas zurückzogen und Mandeln ernteten, beteten, sich fächelten, zu faul, selbst die Schaukelstühle zu schütteln, was die Magd tun musste, die jedes Mal „con permesso“ sagte, „wenn Sie gestatten, senora, schaukle ich Sie ein wenig.“
Also gab es doch Fremde in Pueblo?
Gewiss, es gab seit einigen Jahren Fremde in Pueblo, darüber konnte es keine zwei Meinungen geben, da ja kein Mensch ihre Sprache verstand und sie sich für den Leuchtturm interessierten.
Also gab es doch eine Sehenswürdigkeit in Pueblo, wie Jeronimo ja immer behauptet hatte?
Die Fremden hatten auf unerklärliche Weise den Weg auch nach unserem Fischerdorf gefunden und verschafften durch ihre bloße Gegenwart den gelangweilten und verzweifelt nach Abwechslung suchenden Einwohnern jenes geheimnisvolle Ding, genannt Sehenswürdigkeit, auf dessen Suche Fremde überall hingehen.
Für die Fischer und Bauern waren nun aber gerade diese Fremden eine Sehenswürdigkeit. Die Eingeborenen saßen vor einem grünen Pfefferminzschnaps an Tischen im Café des Marin und starrten aus den Augenwinkeln auf diese seltsamen und sehenswerten Geschöpfe, die aus unerklärlichen Gründen nach Pueblo kamen, sich im Sande an der Bucht wie Schweine in der Grube wälzten, badeten, in der glühend heißen Sonne lagen bis sie schwarz wurden wie geröstete Mandeln, alles Dinge, die nur zum Tod führen konnten. Welcher vernünftige Mensch geht in die Sonne, wenn er Schatten haben kann? Und wer springt ins Meer, wenn er die ganze Welt unter seinen Füßen haben kann? Und wer lässt sich braun braten, wo es doch gerade ein Zeichen höchster Grazie und Kultur ist, so weiß und rein zu bleiben wie eine Lilie? Es gab also sogar zwei Arten von Sehenswürdigkeiten in Pueblo: Den Leuchtturm und dann die Fremden, die kamen, um ihn zu bewundern oder, ohne es zu wissen, selbst als Sehenswürdigkeiten bewundert zu werden.
Lesen Sie weiter:
- Karl Otten, Der Leuchtturm - Teil 1
- Karl Otten, Der Leuchtturm - Teil 2
- Karl Otten, Der Leuchtturm - Teil 3
- Karl Otten, Der Leuchtturm - Teil 4
- Karl Otten, Der Leuchtturm - Teil 5
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